Wasserleitungen sind Lebensräume
Das Innere einer Wasserleitung erscheint auf den ersten Blick lebensfeindlich. Es ist dunkel, kühl und die Strömungsverhältnisse können sich ständig verändern.
Trotzdem bietet ein weit verzweigtes Rohrnetz zahlreiche kleine Lebensräume. An den Innenwänden der Leitungen bilden sich Biofilme aus Bakterien, Pilzen und organischen Stoffen. Hinzu kommen Ablagerungen und Sedimente, die sich vor allem in wenig durchströmten Bereichen sammeln können.
Diese Stoffe bilden wiederum eine Nahrungsgrundlage für kleinere Lebewesen.
Fachleute sprechen deshalb von einer Trinkwasserbiozönose, also einer Lebensgemeinschaft innerhalb des Trinkwasserverteilungssystems. Neben mikroskopisch kleinen Organismen können dort auch größere wirbellose Tiere vorkommen, darunter Wasserasseln, Borstenwürmer, kleine Krebse, Schnecken oder Insektenlarven. Das Technologiezentrum Wasser bezeichnet Wirbellose ausdrücklich als natürliche Bewohner von Trinkwasserverteilungssystemen.
Das bedeutet nicht, dass aus jedem Wasserhahn Wasserasseln kommen. Die meisten dieser Lebewesen bleiben für Verbraucher vollkommen unsichtbar. Dennoch ist ihre Anwesenheit in Verteilungsnetzen kein außergewöhnlicher Einzelfall.
Was sind Wasserasseln?
Die Wasserassel, wissenschaftlich *Asellus aquaticus*, ist ein kleines Krebstier. Sie lebt normalerweise in stehenden oder langsam fließenden Gewässern und ernährt sich überwiegend von abgestorbenem organischem Material, Ablagerungen und Bestandteilen von Biofilmen.
Auch in Trinkwasserleitungen kann sie geeignete Bedingungen finden. Eine wichtige Rolle spielen dabei offenbar das Rohrmaterial, die Menge an Sedimenten, die Temperatur und die Strömungsverhältnisse.
In einer umfangreichen Untersuchung von mehr als 1.000 Hydrantenproben aus Trinkwasserverteilungssystemen im mitteleuropäischen Tiefland wurden Wasserasseln in einem großen Teil der untersuchten Proben nachgewiesen. Die Ergebnisse dürfen nicht auf jeden Haushalt und jedes deutsche Leitungsnetz übertragen werden. Sie zeigen aber, dass Wasserasseln in Trinkwassersystemen wesentlich verbreiteter sind, als viele Verbraucher vermuten.
Die Tiere sind dabei nicht Teil der geplanten Wasseraufbereitung. Sie „reinigen“ auch nicht im Auftrag des Wasserwerks die Leitungen. Sie nutzen schlicht die vorhandenen organischen Ablagerungen als Nahrungsquelle.
Wie gelangen die Tiere in das Trinkwassernetz?
Es gibt nicht den einen Weg, über den Wasserasseln und andere Wirbellose in ein Leitungsnetz gelangen.
Einige Organismen können bereits aus dem Rohwasser oder während der Aufbereitung in das Verteilungssystem eingetragen werden. Andere können bei Reparaturen, Rohrbrüchen oder über unzureichend geschützte Behälter und Verbindungen in ein Netz gelangen.
Sind geeignete Lebensbedingungen vorhanden, können sie sich dort halten und vermehren. Besonders Sedimente und organische Ablagerungen können das Vorkommen von Wasserasseln begünstigen.
Im Fall Brieselang konnte die ursprüngliche Ursache des Befalls nicht mehr eindeutig festgestellt werden. Die Untersuchungen zeigten jedoch, dass die Asseln in fast dem gesamten untersuchten Ortsnetz vorkamen, während das Wasserwerk und die Wasserspeicher frei von ihnen waren.
Die Fachleute gingen deshalb von einem bereits länger bestehenden Befall des Leitungsnetzes aus.
Nicht nur die Tiere bleiben im Rohrnetz zurück
Wasserasseln fressen, verdauen, scheiden Kot aus und sterben irgendwann.
Das klingt selbstverständlich. Im Zusammenhang mit Trinkwasser wird es jedoch selten ausgesprochen.
Nach Untersuchungen zur biologischen Beschaffenheit von Trinkwasserverteilungen können die Kotpellets von Wasserasseln über mehrere Wochen stabil bleiben und sich in bestimmten Bereichen des Rohrnetzes anreichern. Sie enthalten einen hohen Anteil an organischen Stoffen und können dadurch anderen Mikroorganismen als Nahrungsgrundlage dienen.
Die Fachveröffentlichung des DVGW weist außerdem darauf hin, dass rostroter Mulm, der bei bestimmten Rohrnetzspülungen ausgetragen wird, teilweise zu erheblichen Anteilen aus Wasserasselkot bestehen kann.
Das bedeutet nicht, dass braunes Wasser aus dem Hahn grundsätzlich Asselkot enthält.
Braune Verfärbungen können ebenso durch Eisen, Mangan, Rost, Korrosionsprodukte oder aufgewirbelte Sedimente entstehen. Aus dem Aussehen allein lässt sich nicht erkennen, woraus die Ablagerungen bestehen.
Die pauschale Aussage „Das ist nur Rost“ ist deshalb ebenso unzuverlässig wie die Behauptung, jede braune Ablagerung müsse von Wasserasseln stammen.
Bei einer auffälligen Verfärbung sollte die Ursache geklärt werden.
Sind Wasserasseln im Trinkwasser gefährlich?
Hier ist eine ehrliche und differenzierte Antwort notwendig.
Wasserasseln gelten nach bisherigem Kenntnisstand nicht als typische Krankheitserreger. In einer Untersuchung der Technischen Universität Dänemark ließ sich bei den beobachteten Besiedlungsdichten kein messbarer negativer Einfluss lebender Wasserasseln auf die mikrobiologische Qualität eines realen Trinkwasserverteilungssystems feststellen.
Auch in Laborversuchen beeinflussten die Tiere das Überleben der untersuchten Bakterien *Escherichia coli*, *Klebsiella pneumoniae* und *Campylobacter jejuni* nicht wesentlich. Bei toten Wasserasseln wurde allerdings ein verstärktes Wachstum natürlich vorkommender heterotropher Bakterien beobachtet.
Daraus lässt sich nicht ableiten, dass Wasserasseln Menschen krank machen.
Umgekehrt wäre es aber auch zu einfach, Ausscheidungen, abgestorbene Tiere und starke Besiedlungen als vollkommen bedeutungslos abzutun.
Die möglichen Wechselwirkungen zwischen verschiedenen wirbellosen Tieren, Biofilmen und Bakterien sind noch nicht in allen Einzelheiten geklärt. Das zeigt schon die Tatsache, dass das TZW in einem bis April 2027 laufenden Forschungsprojekt genau diese Zusammenhänge weiter untersucht. Dazu gehören auch Versuche zur Interaktion von Invertebraten mit coliformen Bakterien.
Die korrekte Einordnung lautet daher:
Wasserasseln stellen bei normalem Vorkommen nach aktuellem Wissensstand in erster Linie ein ästhetisches und betriebliches Problem dar. Sichtbare Tiere, eine starke Vermehrung, größere Mengen an Ablagerungen oder tote Organismen im Trinkwassernetz sind trotzdem nicht etwas, das Verbraucher einfach als normalen Bestandteil ihres Trinkwassers hinnehmen müssen.
Keine nachgewiesene akute Gesundheitsgefahr bedeutet nicht, dass es überhaupt kein Problem gibt.
Warum werden die Tiere nicht einfach herausgespült?
Wasserasseln können sich mit ihren Beinen sehr fest an Rohrwänden und Ablagerungen halten. Eine gewöhnliche Leitungsspülung reicht deshalb nicht immer aus, um sie vollständig aus einem betroffenen Netz zu entfernen.
In Brieselang wurde ein spezielles CO₂-Spülverfahren eingesetzt. Dabei wurde das Wasser kontrolliert mit Kohlendioxid angereichert. Das Kohlendioxid betäubte die Tiere so weit, dass sie ihren Halt verloren und aus den Leitungen gespült werden konnten.
Dafür mussten einzelne Leitungsabschnitte abgesperrt und nacheinander behandelt werden. Es handelte sich also nicht um eine einfache Zugabe von Kohlensäure zum normalen Trinkwasser, sondern um eine gezielte technische Reinigungsmaßnahme.
Auch heute gehören Leitungsspülungen, die Überwachung ausgewählter Entnahmestellen und weitere Maßnahmen zum möglichen Umgang mit einer stärkeren Besiedlung. Welche Maßnahme sinnvoll ist, hängt vom jeweiligen Leitungsnetz und vom Ausmaß des Befundes ab.
Was sollten Verbraucher bei einem sichtbaren Fund tun?
Wer ein Tier, Tierbestandteile oder ungewöhnliche Ablagerungen im Leitungswasser entdeckt, sollte den Fund nicht einfach wegspülen und vergessen.Sinnvoll ist es, den Fund zu fotografieren und, wenn möglich, in einem sauberen Gefäß aufzubewahren. Anschließend sollte der zuständige Wasserversorger informiert werden. In einem Mietshaus kann zusätzlich der Vermieter oder die Hausverwaltung zuständig sein.
Bis die Ursache geklärt ist, würden wir auffälliges Wasser nicht zum Trinken oder zur Zubereitung von Lebensmitteln verwenden.
Ein einzelner Fund beweist nicht automatisch, dass eine gesundheitliche Gefahr besteht. Er zeigt aber, dass etwas aus dem Leitungsnetz oder der Hausinstallation bis an die Entnahmestelle gelangt ist. Das sollte untersucht werden.
Was kann ein Wasserfilter leisten?
Ein Wasserfilter beseitigt keinen Befall des öffentlichen Rohrnetzes. Dafür ist der Wasserversorger zuständig. Ebenso wenig ersetzt ein Filter die notwendige Untersuchung oder Sanierung einer problematischen Hausinstallation.Ein feinporiger Vorfilter kann jedoch verhindern, dass Wasserasseln, Tierbestandteile, Sedimente und andere größere Partikel im gefilterten Trinkwasser landen.
Die AcalaQuell Kannenfilter verwenden dafür einen Mikroschwamm mit einer angegebenen Porengröße von einem Mikrometer. Bei den AcalaQuell Standfiltern übernimmt ein Keramikvorfilter mit einer Porengröße von 0,2 bis 0,45 Mikrometern die mechanische Vorfilterung. Wasserasseln und sichtbare Tierbestandteile sind um ein Vielfaches größer und können diese Vorfilter nicht passieren.
Das ist eine klar begrenzte, aber reale Funktion.
Wir behaupten nicht, dass aus jedem Wasserhahn Tiere kommen. Wir behaupten auch nicht, dass Wasserasseln eine allgemeine Gesundheitsgefahr darstellen.
Wir halten es jedoch für nachvollziehbar, dass Verbraucher weder Tiere noch deren Überreste oder Ablagerungen in ihrem Trinkglas haben möchten.
Zusammen gefasst lässt sich sagen:
Das Trinkwassernetz ist kein steriles Rohrsystem, sondern ein biologischer Lebensraum. Bakterien, Pilze, Biofilme und verschiedene wirbellose Tiere können darin vorkommen.
Meist bleibt dieses unsichtbare Biotop unbemerkt. Erst wenn sich Organismen stark vermehren, Tiere absterben oder Bestandteile bis zum Wasserhahn gelangen, wird sichtbar, was sich im Inneren der Leitungen abspielen kann.
Wasserasseln gelten nach heutigem Kenntnisstand normalerweise nicht als unmittelbare Gesundheitsgefahr. Das macht ihren sichtbaren Austrag aus dem Wasserhahn aber weder appetitlich noch bedeutungslos.
Die Trinkwasserverordnung verlangt nicht nur die Einhaltung bestimmter Grenzwerte, sondern auch, dass Trinkwasser rein und genusstauglich ist.
Für uns ist deshalb entscheidend, was am Ende tatsächlich im Glas ankommt.
Ein Wasserfilter kann die Ursache eines Befalls nicht beheben. Er kann aber als zusätzliche Barriere verhindern, dass Tiere, Tierbestandteile und andere partikuläre Rückstände mitgetrunken werden.
Quellen:
Landkreis Havelland: Pressemitteilungen zum Wasserasselbefall und zur CO₂-Spülung in Brieselang.
TZW – Technologiezentrum Wasser: Forschungsprojekt „Invertebraten in der Trinkwasserverteilung“, Laufzeit Mai 2024 bis April 2027.
DVGW: „Kleintiere in der Trinkwasserverteilung – Vorkommen und Anwendung des DVGW-Arbeitsblattes W 271“, 2018.
Technische Universität Dänemark: Untersuchungen zum Vorkommen von Wasserasseln und zu ihrem Einfluss auf die mikrobiologische Trinkwasserqualität.
Trinkwasserverordnung: Allgemeine und mikrobiologische Anforderungen an Trinkwasser.