Warum heißt Wasser eigentlich „Wasser“?
Eine kleine Reise durch 5.000 Jahre Sprachgeschichte
Es gibt Wörter, über die denkt man nie nach.
Tisch. Fenster. Baum.
Und Wasser.
Ein Wort aus einer längst verschwundenen Sprache
Die Wissenschaft ist sich heute weitgehend einig: Unser heutiges Wort „Wasser“ geht auf das althochdeutsche „wazzar“ zurück.
Diese Form wurde bereits vor mehr als 1.000 Jahren verwendet.
Noch älter ist das urgermanische *watōr, aus dem sich später Wörter wie Water,
Vatten und eben Wasser entwickelten.
Und dahinter verbirgt sich noch eine viel ältere Wurzel: *wódr̥.
Sie stammt aus der sogenannten indogermanischen Ursprache. Diese Sprache wurde nie aufgeschrieben. Sprachwissenschaftler konnten sie jedoch durch den Vergleich hunderter alter und moderner Sprachen erstaunlich genau rekonstruieren.
Fakt: Der Stern (*) vor diesen Wörtern bedeutet, dass sie rekonstruiert wurden. Es handelt sich also nicht um Vermutungen, sondern um wissenschaftlich hergeleitete Sprachformen, die heute in der Sprachwissenschaft allgemein anerkannt sind.
Deshalb klingt Water fast wie Wasser
Vielleicht ist Ihnen das schon einmal aufgefallen.
Deutsch = Wasser
Englisch = Water
Niederländisch = Water
Schwedisch = Vatten
Dänisch = Vand
Das ist kein Zufall.
Alle diese Sprachen gehören zur germanischen Sprachfamilie und haben ihre Wörter für Wasser von einem gemeinsamen Vorfahren übernommen.
Eigentlich sprechen wir also bis heute ein Wort aus, das Menschen schon vor mehreren Jahrtausenden in ähnlicher Form verwendet haben.
Ein schöner Gedanke, oder?
Warum heißt Wasser im Spanischen dann „Agua“?
Weil Spanisch einer ganz anderen Sprachlinie folgt.
Die romanischen Sprachen stammen vom Lateinischen ab. Dort hieß Wasser Aqua.
Daraus entstanden später:
• Acqua (Italienisch)
• Agua (Spanisch)
• Água (Portugiesisch)
• Eau (Französisch)
Besonders spannend ist das Französische. Kaum jemand würde vermuten, dass das kurze Wort Eau ursprünglich einmal Aqua war.
Sprache verändert sich eben genauso wie Landschaften: langsam, aber ständig.
Was nur vermutet wird
Immer wieder liest man, dass sich das Wort „Wasser“ aus dem Geräusch eines plätschernden Baches entwickelt haben könnte.
Die Vorstellung gefällt vielen Menschen. Tatsächlich wäre sie auch gut nachvollziehbar.
Vermutung: Manche Autoren vermuten einen lautmalerischen Ursprung, ähnlich wie bei Wörtern wie „plätschern“ oder „rauschen“.
Fakt: Einen wissenschaftlichen Beleg dafür gibt es bislang nicht. Die Sprachwissenschaft führt das Wort heute auf die indogermanische Wurzel wódr̥ zurück.
Drei erstaunliche Fakten über das Wort Wasser
Das Wort ist älter als die deutsche Sprache.
Die Vorläufer unseres heutigen Wortes wurden bereits gesprochen, lange bevor es Deutschland überhaupt gab.
Water und Wasser sind sprachliche Geschwister.
Dass beide Wörter fast gleich klingen, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer gemeinsamen Herkunft.
H₂O ist viel jünger als das Wort Wasser.
Die chemische Formel wurde erst Anfang des 19. Jahrhunderts eingeführt.
Das Wort selbst begleitet die Menschheit dagegen vermutlich schon seit mehr als 5.000 Jahren.
Ein Wort, das Jahrtausende überdauert hat
Dass wir heute ganz selbstverständlich "Wasser" sagen, ist alles andere als selbstverständlich.
Hinter diesem kleinen Wort steckt eine Geschichte, die sich über mehrere Jahrtausende erstreckt – von einer längst verschwundenen Ursprache bis in unseren Alltag.
Und vielleicht denken Sie beim nächsten Glas Wasser für einen kurzen Moment daran, dass Sie gerade eines der ältesten Wörter Europas ausgesprochen haben.
Neugierig geworden? In unserer Rubrik Wasserwissen finden Sie weitere spannende Geschichten rund um das faszinierendste Lebensmittel der Welt.