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Wo steckt eigentlich das Süßwasser unserer Erde?

Stellen Sie sich einmal einen großen 100-Liter-Behälter vor. Darin befindet sich sämtliches Wasser unserer Erde: alle Ozeane, alle Seen und Flüsse, das Grundwasser, die Gletscher, einfach alles.
Von diesen 100 Litern wären nur etwa 2,5 Liter Süßwasser.

Und jetzt wird es interessant.
Von diesen 2,5 Litern steckt der größte Teil in Eis und Gletschern. Rund drei Viertel Liter befinden sich als Grundwasser unter unseren Füßen. Und das Wasser in allen Süßwasserseen der Erde?
Das wären gerade einmal rund 6,5 Milliliter.
Etwas mehr als ein Teelöffel.

Rechnet man die weltweiten Wasservorräte auf diese Größenordnung herunter, bekommt man plötzlich ein ganz anderes Gefühl dafür, wie wenig Süßwasser tatsächlich in den Seen steckt, die uns so groß und selbstverständlich erscheinen. Insgesamt enthalten Süßwasserseen nur rund 0,26 Prozent des gesamten Süßwassers der Erde.



Ein Teelöffel, der es in sich hat

Dieser Vergleich klingt zunächst fast beruhigend klein. Doch der Eindruck täuscht.
Denn von dem flüssigen Süßwasser, das wir an der Erdoberfläche sehen, steckt ein großer Teil in Seen. Und dieses Wasser ist auch noch erstaunlich ungleich über den Planeten verteilt.
Ein einziges Beispiel zeigt, welche Dimensionen das annehmen kann: 
Der Baikalsee in Sibirien enthält allein rund 20 Prozent des weltweit nicht gefrorenen Süßwassers an der Oberfläche. Noch einmal ungefähr 20 Prozent befinden sich in den fünf großen Seen Nordamerikas.
Mit anderen Worten: Ein beträchtlicher Teil des sichtbaren Süßwassers unserer Erde konzentriert sich auf einige wenige riesige Seen.
Aber wir müssen gar nicht bis nach Sibirien oder Nordamerika schauen, um zu sehen, welche Bedeutung ein See haben kann.

Der Bodensee: 48 Billionen Liter Wasser

Der Bodensee enthält rund 48 Milliarden Kubikmeter Wasser. Das sind 48 Billionen Liter. An seiner tiefsten Stelle reicht er 251 Meter hinab.
Beeindruckende Zahlen. Richtig interessant werden sie aber erst, wenn man schaut, was mit diesem Wasser passiert.
Etwa vier Millionen Menschen in Baden-Württemberg werden durch die Bodensee-Wasserversorgung mit Trinkwasser versorgt. Rund 130 Millionen Kubikmeter Trinkwasser werden dafür pro Jahr abgegeben.
Und jetzt kommt der Vergleich: Diese gewaltig klingende Jahresmenge entspricht rechnerisch gerade einmal rund 0,27 Prozent des gesamten Wasservolumens des Bodensees.
Natürlich ist der Bodensee kein geschlossener Wassertank. Wasser fließt hinein, durchströmt ihn und verlässt ihn wieder. Trotzdem zeigt der Vergleich ziemlich eindrucksvoll, welche Größenordnung in diesem See steckt.
Auch die Entnahme selbst findet nicht einfach irgendwo am Ufer statt. Das Rohwasser für die Bodensee-Wasserversorgung wird im Überlinger See in rund 60 Metern Tiefe entnommen. Von dort beginnt seine Reise bis in Städte und Gemeinden quer durch Baden-Württemberg.
Ein See, an dessen Ufer Menschen Urlaub machen, baden und segeln, ist damit gleichzeitig ein wichtiger Teil der täglichen Trinkwasserversorgung von Millionen Menschen.


Und dann gibt es die Müritz

Weiter im Nordosten Deutschlands sieht die Sache völlig anders aus.
Mecklenburg-Vorpommern ist nicht von einem einzigen großen See geprägt, sondern von Wasserflächen überall.
 Im Land wurden mehr als 2.000 Seen mit einer Wasserfläche von mindestens einem Hektar erfasst. Allein im Müritz-Nationalpark gibt es 107 Seen mit einer Fläche von mehr als einem Hektar, dazu kommen zahlreiche kleinere Gewässer.
Mittendrin liegt die Müritz.
Mit 117,8 Quadratkilometern ist sie der größte See, der vollständig innerhalb Deutschlands liegt. Wer an ihrem Ufer steht, kann durchaus das Gefühl bekommen, an einem kleinen Meer zu stehen.
Doch genau hier wartet der nächste überraschende Unterschied.
Die Müritz ist im Durchschnitt gerade einmal etwa sechs Meter tief. Selbst an ihrer tiefsten Stelle sind es nur 33 Meter.
Der Bodensee dagegen reicht bis auf 251 Meter hinunter.
Das zeigt etwas, das man beim Blick auf eine Landkarte leicht übersieht: Die Fläche eines Sees erzählt nur einen Teil seiner Geschichte. Entscheidend ist auch, was unter der Wasseroberfläche liegt.
Der Bodensee ist ein gewaltiger tiefer Wasserkörper. Die mecklenburgische Seenlandschaft dagegen besteht aus einer Vielzahl überwiegend deutlich flacherer Seen, verbunden mit Flüssen, Mooren und Feuchtgebieten. Beide Landschaften wurden st
ark durch die Eiszeit geprägt und könnten heute trotzdem kaum unterschiedlicher aussehen.

Viel Wasser vor Augen und trotzdem erstaunlich wenig

Damit sind wir wieder bei unserem 100-Liter-Behälter vom Anfang.
Die Erde ist ein Wasserplanet. Mehr als 70 Prozent ihrer Oberfläche sind von Wasser bedeckt. Und trotzdem würde das gesamte Wasser aller Süßwasserseen in unserem Gedankenexperiment nur gut einen Teelöffel füllen.
Darin stecken der Baikalsee, die großen Seen Nordamerikas, der Bodensee, die Müritz und unzählige weitere Seen rund um den Globus.
Vielleicht ist genau das die überraschendste Antwort auf die Frage, wo das Süßwasser unserer Erde eigentlich steckt:
Das meiste davon sehen wir gar nicht.
Es liegt gefroren in Eis und Gletschern oder verborgen als Grundwasser unter der Erde. Was wir in Flüssen und Seen vor Augen haben, ist nur ein winziger Ausschnitt des gesamten Süßwasservorrats.
Aber ein ziemlich bedeutender.
Und vielleicht sieht der nächste See, an dem man vorbeikommt, nach diesem kleinen 100-Liter-Gedankenexperiment tatsächlich ein bisschen anders aus.



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